Das GRAS-Spitzenkandidatinnenteam im Interview

GRAS_SpitzenkandidatinnenWir baten die Spitzenkandidatinnen der Grünen und Alternativen StudentInnen (GRAS) Viktoria Spielmann (rechts im Bild), 26, ehemalige Politikwissenschafts- und vergleichende Literaturwissenschaftsstudentin der Uni Innsbruck und Marie-Therese Fleischhacker (links im Bild), 22, ehemalige Rechtswissenschaftsstudentin an der Uni Graz und Skandinavistikstudentin an der Uni Wien zum Interview.

oehwahlen2013.at: Wie seid ihr zur ÖH gekommen und wie engagiert ihr euch?

Viktoria Spielmann: Vor zwei Jahren, bei den letzen ÖH-Wahlen, bin ich zur GRAS gekommen.
Aufgrund der Kürzung der Familienbeihilfe, die mich unmittelbar betroffen hat, habe ich mir gedacht, dass ich dagegen etwas unternehmen möchte und die ÖH dafür gut geeignet wäre. Weil ich mich gesellschaftspolitisch engagieren wollte, war für mich schnell klar, dass ich bei der GRAS mitarbeite.

Marie-Therese Fleischhacker: Ich bin in meinem ersten Semester zur GRAS gekommen. Bei einer meiner ersten Lehrveranstaltungen hielt ein Professor die Vorlesung, der tatsächlich nur aus seinem Skript vorlas. Ich habe mir gedacht: eigentlich müsst Uni mehr sein. Dadurch bin ich zur GRAS gekommen und seit dem engagiere ich mich bei dieser Fraktion.

oehwahlen2013.at: Wie kam es dazu, dass ihr als Team kandidiert?

Viktoria Spielmann: Die GRAS hat einen basisdemokratischen Grundsatz, was bedeutet, dass sich bei uns keine Hierarchien bilden sollen. Wir wissen allerdings, dass wir SpitzenkandiatInnen stellen müssen und deswegen haben wir uns dafür entschieden zu zweit anzutreten, um diese alternativen Strukturen aufzuzeigen – zu  zeigen, dass es auch anders möglich ist.

oehwahlen2013.at: Warum soll man genau euch wählen?

Marie-Therese Fleischhacker: Man soll die GRAS wählen, weil die GRAS versucht das große ganze Bild zu sehen. Studierende haben auch außerhalb der Universität Probleme. Wir versuchen eben mit unseren Wahlkampfthemen, die auch Wohnen und Mobilität betreffen, das ganze Bild zu sehen.

oehwahlen2013.at: Ihr wollt Studiengebühren und Zulassungsbeschränkungen abschaffen. Jedoch sind jetzt schon die Hörsäle überfüllt und die Plätze knapp. Wie soll mit der höheren Anzahl an Studierenden umgegangen werden bzw. wer betreut die Studenten?

Viktoria Spielmann: Prinzipiell ist es so, dass wir uns schon seit langem für die Ausfinanzierung der Unis aussprechen. Wir halten daher 2 % des BIPs für notwendig, das wird schon lange gefordert, aber bis heute nicht umgesetzt. Würde man die Finanzierung so gestalten, dann gibt es  auch mehr Platz für Studenten und auch neue Räume.
Die ProfessorInnenzahlen gehen immer mehr zurück und auch das kann für die Qualität der Lehre nicht gut sein.

Marie-Therese Fleischhacker: Des Weiteren fordern wir das sogenannte Studium generale. Das soll eine zweisemestrige Orientierungsphase sein, in der Studierende Fächer aus dem ganzen Lehrveranstaltungskatalog machen können. Hier können sie sich ansehen, was die einzelnen Studien tatsächlich bieten und sich erst danach für ein Studium entscheiden. Dies kann dazu beitragen die Studienströme zu bündeln. Zum Beispiel schaue ich mir vorher an, was Wirtschaft oder Jus wirklich zu bieten hat und entscheide mich dann erst für eine Studienrichtung.

oehwahlen2013.at: Soll das Studium generale verpflichtend sein oder kann man auch gleich, wenn man sich sicher ist, was man studieren möchte mit dem Studium beginnen?

Viktoria Spielmann: Das ist eine freie Auswahl für alle Studierenden.

oehwahlen2013.at: Bedeutet das für diejenigen, die sich für das Studium generale entscheiden, dass sie ein Jahr länger studieren müssen?

Marie-Therese Fleischhacker: Nein, es ist nicht so, dass man ein Jahr länger studieren muss. Wir als GRAS fordern die Aufstockung der freien Wahlfächer. Besucht man nun am Anfang des Studiums Veranstaltungen, die nicht zum später gewählten Fachstudium gehören, kann man sich diese als freie Wahlfächer anrechnen lassen.

oehwahlen2013.at: Ihr wollt eine Mitbestimmung der Studenten. Denkt ihr, dass dann mehr wählen gehen würden? Bei den ÖH-Wahlen ist die Anzahl der Wähler sehr gering.

Viktoria Spielmann: Mitbestimmung auf der Uni ist natürlich etwas Anderes als Mitbestimmung durch die ÖH. Mitbestimmung auf der Uni ist mit dem Universitätsgesetz 2001/2002 eingeschränkt worden. Der Senat, das einzige Gremium, in dem auch StudentInnen vertreten sind, ist sehr geschwächt worden. Um das zu ändern muss man mit dem Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung das Gespräch suchen und klar stellen, dass es wieder mehr Mitbestimmung braucht. An der niedrigen Wahlbeteiligung sieht man die Politikverdrossenheit der StudentInnen. Weil die StudentInnen das Gefühl haben nur mehr wenig mitbestimmen zu können, macht sich Politikverdrossenheit breit. Deshalb engagieren wir uns jeden Tag und versuchen die Leute davon zu überzeugen, dass es wichtig ist wählen zu gehen, denn nur so kann man gut repräsentieren.

Marie-Therese Fleischhacker: Der Zeitfaktor spielt bei politischer Arbeit eine große Rolle. In dem System, in dem wir stecken, haben StudentInnen nicht viel Zeit, weil sie sich viel auf der Uni aufhalten müssen. 60 % der Studierenden müssen arbeiten, damit sie sich ihr Leben finanzieren können. Aus diesem Grund fordern wir ein Grundstipendium in der Höhe von 800 Euro, dass alle Studierenden bekommen sollen. Dann ist es vielleicht eher möglich politische Arbeit zu leisten.

oehwahlen2013.at: Derzeit gibt es Leistungsstipendien, die von dem Grundstipendium abgelöst werden würden . Leistungsstipendien stellen für viele Studierende eine Motivation dar, bessere Noten zu schreiben. Denkt ihr nicht, dass sie dadurch die Motivation verlieren würden?

Viktoria Spielmann: Man sieht z.B. an den Zahlen der psychologischen Studierendenberatung, die in den letzten Jahren enorm gestiegen sind, dass dieser Leistungsdruck nicht immer das Beste ist. Es soll einfach möglich sein, dass man frei und selbstbestimmt studiert. Dies ist mit einem Grundstipendium eher gewährleistet, als mit hohem Druck, schlechter Finanzierung und einem Leistungsstipendium, das dich an den Rand deiner Möglichkeiten treibt.

oehwahlen2013.at: Soll es für das Grundstipendium eine Begrenzung geben, für wie viele Semester man das erhalten soll, wie z.B. bei einem Selbsterhalterstipendium, das man 7 Semester erhält?

Marie-Therese Fleischhacker: Man soll es auf jeden Fall bekommen solange man studiert.Dieses Modell muss noch im Detail ausgearbeitet werden. Es soll auf jeden Fall so sein, dass es allen Studierenden tatsächlich möglich ist zu studieren. Wie vorhin angesprochen wurde, erhält nur ein geringer Prozentsatz der Studenten ein Leistungsstipendium. Man erhält dann pro Jahr 800 bis 900 Euro. Aber davon kann man nicht ein Jahr leben.

oehwahlen2013.at: Das Grundstipendium würde dann jeder bekommen. Wenn man dieses Stipendium erhält, obwohl die Elteren genug verdienen, finden das diejenigen Studenten, die finanziell tatsächlich auf das Stipendium angewiesen sind, unfair? 

Viktoria Spielmann: Prinzipiell muss man dazu sagen, dass es keine reichen Studierenden gibt, sondern reiche Eltern. Die Studierenden haben selbst keine finanzielle Basis außer der Familienbeihilfe, die rund 200 Euro/Monat beträgt. Sie sind finanziell nicht abgesichert. Ich finde es sehr schwierig, dass man nicht als Individuum gesehen wird, sondern immer noch als Kind der Eltern. Das fördert auch nicht das selbstbestimmte Leben.

oehwahlen2013.at: Wie finanziert ihr euer Studium?

Viktoria Spielmann: Ich bin immer neben meine Studium bis zu 30 Stunden arbeiten gegangen, was sehr mühsam war, weil dadurch zu wenig Zeit zum Studieren bleibt.

Marie-Therese Fleischhacker: Ich habe auch neben dem Studium gearbeitet, habe Familienbeihilfe bezogen und nebenbei entweder im Sommer relativ viel gearbeitet oder Nebenjobs gehabt.

oehwahlen2013.at: In eurem Wahlprogramm steht auch, dass ihr mehr Platz für Radfahrer und Fußgänger fordert. Wie wollt ihr das realisieren?

Viktoria Spielmann: Wenn man im ÖH-Vorsitz oder der Exekutive ist, ist es so, dass man immer wieder in Verhandlungen mit den verschiedenen Ministerien geht. Man trifft sich nicht nur mit dem Bundesminister für Wissenschaft und Forschung, sondern auch mit anderen Verhandlungspartnern. Da ist es immer wieder wichtig, gewisse Forderungen einzubringen. Zum Beispiel werden mehr Abstellplätze für Fahrräder benötigt. Genauso muss es wieder mehr Gehsteige geben, diese müssen neu ausgebaut werden, da Autos zu viel Platz in der Stadt einnehmen.

oehwahlen2013.at: Ihr habt auch Forderungen zur Wohnsituation von Studierenden. Wie genau sehen die aus?

Marie-Therese Fleischhacker: Wir fordern den Aus- und Neubau von Studierendenheimen. Momentan ist es so, dass nur 9 % der Studierenden in Studierendenheimen wohnen. Es würden aber viel mehr Plätze benötigt werden. Wir fordern das Ende der Vergebührung der Mietverträge, weil das Zusatzkosten sind, die enorm belasten.

Viktoria Spielmann: Die Mieten müssen wieder leistbar werden und zwar durch Mietzinsobergrenzen. Außerdem fordern wir den Zugang zum kommunalen Wohnbau für Studierende.

oehwahlen2013.at: Wo wohnt ihr?

Viktoria Spielmann: Ursprünglich bin ich aus Innsbruck und habe dort 5 Jahre studiert, jetzt wohne ich in Wien in einer WG.

Marie-Therese Fleischhacker: Ich komme ursprünglich aus Graz, habe dort gewohnt, war zwischendurch ein Jahr in Kopenhagen und wohne jetzt in Wien in einer WG.

oehwahlen2013.at: Also wohnt ihr beide in Mietwohnungen ohne finanzielle Hilfe?

Viktoria Spielmann: Ja. Laut Studierendensozialerhebung fließt die Hälfte des Budgets der Studierenden in Wohnraum und das ist viel zu viel.

oehwahlen2013.at: Noch ein Frage zu den ECTS des Studium generale. Nach euren Vorstellungen wären das 30 ECTS für freie Wahlfächer. Im Informatikstudium gibt es momentan viel weniger ECTS für freie Wahlfächer. Wird das dann aufgestockt?

Viktoria Spielmann: Es geht darum, dass es die freie Anrechenbarkeit von Wahlfächern gibt.

oehwahlen2013.at: Es sind nicht zwingend 30 ECTS, ist das eine Obergrenze?

Marie-Therese Fleischhacker: Es ist so, dass InformatikstudentInnen jetzt wahrscheinlich freie und gebundene  Wahlfächer haben.Uns geht es darum, dass diese gebunden Wahlfächer aufgelöst werden. Die freien Wahlfächer kann man dann nicht nur aus den vorgegebenen Körben wählen. Somit hat man die Möglichkeit alles kennen zu lernen, was die Uni zu bieten hat.

Viktoria Spielmann: Es geht darum fächerübergreifend zu sein und die Interdisziplinarität zu fördern.

oehwahlen2013.at: Und wie sieht das dann mit dem Abschluss aus. Macht man dann zum Beispiel noch seinen Abschluss in Informatik?

Viktoria Spielmann: Man macht dann schon seinen Abschluss in Informatik. Prinzipiell war es früher im Diplomstudium so, dass man sehr viele Auswahlmöglichkeit hatte. Es geht in dem Modell darum, Kritik am Bolognasystem zu üben. Das Bolognasystem ist bereits integriert, aber man kann natürlich Alternativen schaffen. Es geht um die  Wahlfreiheit für Studierende.

oehwahlen2013.at: Marie, du warst in Kopenhagen und hast dort auch das Bolognasystem kennengelernt?

Marie-Therese Fleischhacker: Als ich nach Dänemark gegangen bin, war mein Problem, dass ich gleichzeitig als Au-Pair gearbeitet habe und studieren wollte. Dass man die Lehrveranstaltungen von der Uni anerkennen lassen muss, war bürokratisch extrem schwierig. In meinem Fall war das die Universität Graz, die leider die Lehrveranstaltungen sehr spät veröffentlichte. Leider muss man auf die Genehmigung 3 bis 4 Wochen warten. Deshalb bin ich nicht wirklich zum Studieren gekommen.

oehwahlen2013.at: Ihr wollt die Finanzierung durch 2 % des BIPs. Wie sieht die Finanzierung im Moment aus, wisst ihr konkrete Zahlen?

Marie-Therese Fleischhacker: Jetzt sind es ungefähr 1,3 % des BIPs. Es soll sich auf 2 % erhöhen, was die Mindestforderung ist. Die Politik verspricht das schon lange.

oehwahlen2013.at: Wie glaubt ihr könnte man die geringe Wahlbeteiligung erhöhen?

Viktoria Spielmann: Ich glaube, so wie es Marie schon angesprochen hat, dass es ökonomischen Zwänge für die Studierenden und für die StudierendenvertreterInnen gibt. Ich war in der Fachschaft Politikwissenschaften und Soziologie in Innsbruck, habe mich nebenbei bei der GRAS engagiert und bin auch arbeiten gegangen. Es ist ein extremer Zeitspagat für Studierendenvertreter und Studierendenvertreterinnen gute politische Arbeit zu machen und nebenbei noch präsent zu sein. Könnte man diese ökonomischen Zwänge ein bisschen vermindern, dann wären wir auch präsenter.

oehwahlen2013.at: Habt ihr seit Anfang eures Studiums gewählt?

Viktoria Spielmann: Bei den ersten ÖH-Wahlen nicht.

oehwahlen2013.at: Gibt es dafür einen Grund?

Viktoria Spielmann: Ich habe die ÖH damals nicht gekannt.

oehwahlen2013.at: Wollt ihr noch etwas zu den Studierenden sagen?

Viktoria Spielmann: Es ist ganz wichtig wählen zu gehen. Nur so können wir gewährleisten, dass alles gut repräsentiert ist. Es soll prinzipiell wieder mehr Partizipation geben und die GRAS wird sich dafür einsetzen, dass ein alternativer Plan erarbeitet wird, wie ÖH-Strukturen vielleicht auch partizipativer aussehen können.