Freidl: „Studiengebühren sind ein Tropfen auf dem heißen Stein“

Julia Freidl ist Spitzenkandidatin des Verbandes Sozialistischer Student_innen (VSStÖ) und derzeitige Sozialreferentin in der ÖH-Bundesvertretung. Die gebürtige Grazerin ist 24 Jahre alt und studiert derzeit Volkswirtschaftslehre im Master an der Wirtschaftsuniversität Wien (WU).

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Foto: VSStÖ

oehwahlen2013.at: Wie bist du zur ÖH gekommen und warum engagierst du dich?

Julia Freidl: Ich war im ersten Studienjahr an der WU und habe dort die Studienbedingungen mitbekommen. Ich wollte daran etwas ändern und vor allem die Situation der Studierenden verbessern, deshalb bin ich zum VSStÖ gekommen, war dort aktiv und bin schließlich in die ÖH gewählt worden. Die Arbeit in der ÖH macht mir auch viel Spaß. Wir bieten zum Beispiel Beratungen für Studierende an und bekommen oft positive Rückmeldungen, was mich dann auch motiviert weiterzumachen.

Warum soll man den VSStÖ wählen?

Was den VSStÖ auszeichnet ist, dass wir Service und Politik sehr gut miteinander verbinden können. Das heißt wir haben einerseits konkrete Service-Projekte, mit denen wir zu den Wahlen antreten. Wir wollen zum Beispiel einen Vertrags-Check umsetzen, bei dem Studierende Miet- und Arbeitsverträge von ExpertInnen durchprüfen lassen können. Außerdem wollen wir gemeinsam mit ExpertInnen einen Didaktikleitfaden mit Vorschlägen zu spannenderen Lehrveranstaltungen erstellen, um dadurch die Qualität der Lehre zu verbessern.
Auf der anderen Seite haben wir natürlich auch politische Forderungen, die wir umsetzen wollen und da ist ein wesentlicher Punkt das Beihilfensystem, das zurzeit sehr löchrig ist. Nur 15 Prozent der Studierenden beziehen überhaupt Studienbeihilfe. Uns ist es wichtig, dass sich alle ein Studium leisten können. Deshalb wollen wir bei einem fairen Beihilfensystem ansetzen und in den nächsten zwei Jahren konkrete Forderungen umsetzen.

Es ist schwer, gegen ein Wissenschaftsministerium anzukämpfen, das in schwarzer Hand liegt.

Wie steht der VSStÖ zu Studiengebühren?

Bei Studiengebühren ist ganz klar, dass Studierende, deren Eltern nicht so viel Geld haben, von den Hochschulen gedrängt werden. Zurzeit kommen viele ausländische Studierende zu uns in die Beratung, die nicht mehr weiter wissen, weil sie von einem Tag auf den anderen über 700 Euro zahlen müssen. Ich glaube auch, dass Studiengebühren nur ein Tropfen auf dem heißen Stein sind und dadurch die Hochschulen nicht ausfinanziert werden können. Da muss man irgendwo anders ansetzen.

Hat die ÖH überhaupt so viel Einfluss, dass sie die Wiedereinführung der Studiengebühren für alle aufhalten könnte?

Das ist genau unsere Aufgabe als gesetzliche Interessensvertretung der Studierenden, dass wir Einfluss nehmen und in Verhandlungen treten, um da ein starkes Zeichen zu setzen. Und wir werden auch ernst genommen in diesen Verhandlungen.

Im Wintersemester 2012 wurden für ausländische Studierende wieder Studiengebühren eingeführt. Da hat sich ja inzwischen seitens der ÖH nicht viel getan…

Ja das stimmt. Aber natürlich ist es schwer, gegen ein Wissenschaftsministerium anzukämpfen, das in schwarzer Hand liegt und das leider immer noch den Begriff einer „Elite-Uni“ verfolgt und meint, dass Studiengebühren das Allheilmittel für die Hochschulen sind. Ich glaube deshalb ist es wichtig, dass die ÖH da ein starkes Zeichen setzt und gute Arbeit leistet. Der Minister Töchterle hat ohne klare Rechtslage den Unis geraten, wieder Studiengebühren einzuführen. Wir als ÖH haben reagiert und Rechtssicherheit geschaffen, indem wir geklagt haben. Hier konnten wir als ÖH schon einiges bewirken.

Wie finanzierst du dein Studium?

Einerseits hab ich das Glück, dass meine Eltern mich unterstützen. Ich bin jetzt 24 geworden, das heißt auch ich spüre den Verlust der Familienbeihilfe. Auf der anderen Seite bin ich ehrenamtlich bei der ÖH tätig.

Zugangsbeschränkungen können nicht das Problem der Hochschulen lösen.

Der VSStÖ ist für einen freien Hochschulzugang… Wie soll das Problem bei Massenfächern wie z.B. Publizistik gelöst werden? Die Hörsäle sind teilweise trotz des Aufnahmeverfahrens überfüllt und bei Seminaren gibt es auch zu wenig Angebote, vor allem für Studierende, die berufstätig sind…

Hier hat man z.B. auch in Psychologie gesehen, dass nachdem Zugangsbeschränkungen eingeführt wurden, die Studierenden trotzdem noch immer auf dem Boden sitzen müssen. Deswegen glauben wir als VSStÖ, dass Zugangsbeschränkungen nicht das Problem der Hochschulen lösen können. Wir fordern eine einführende Orientierungsphase. Dieses Modell haben wir schon vor zwei Jahren entwickelt. Alle Studierenden können im 1. Semester drei verschiedenen Lehrveranstaltungen aus unterschiedlichen Studien und Universitäten besuchen, um ein bisschen hinein zu schnuppern.

Wenn man z.B. Publizistik studiert, dann weiß man anfangs eigentlich gar nicht, was dahintersteckt. So bekommt man ein bisschen Einblick in das Studium und nach dem ersten Semester trifft man erst die Wahl für das  Studium. Die Lehrveranstaltungen, die man vorher besucht hat, werden einem dann als freie Wahlfächer angerechnet. Wir wollen durch eine verstärkte Orientierung und Information schon in der Schule ansetzen und dadurch Studierendenströme streuen.

Wären dann die Hörsäle im ersten Semester nicht noch mehr überfüllt?

Ja, aber auf der einen Seite will man auch andere Studien probieren. Das ist der Sinn, der dahinter steckt. Man schaut sich drei verschiedene Fächer an und bekommt bei den Einführungslehrveranstaltungen einen Einblick in das Studium. Dann entscheidet man sich. Ist Publizistik genau das, was ich will? Oder will ich eigentlich etwas komplett anderes? Ich finde es schade, dass sich in der jetzigen Debatte der Hochschulpolitik alles nur um Zugangsbeschränkungen und Studiengebühren dreht, welche die Allheilmittel sind und wodurch alle Probleme gelöst werden. Es wird kein Platz für andere Ideen oder Modelle gegeben.

Ein weiteres Problem sind Studierende aus dem Ausland, die den Staat viel Geld kosten, vor allem aus Deutschland. Wie soll dieses Problem gelöst werden? Sollen Studenten aus Deutschland Gebühren zahlen?

Ich finde man muss sich das einfach auf europäischer Ebene anschauen. Es gehen auch viele österreichische Studierende ins Ausland und ich find einfach, dass es eine europäische Lösung mit Ausgleichszahlungen geben sollte, wie es sie beispielsweise in den skandinavischen Ländern gibt. Da ist natürlich unser Wissenschaftsminister Töchterle gefragt, auf europäischer Ebene eine Lösung zu finden. Dass Studierende nach dem Studium wieder weggehen, ist auch irgendwie klar, wenn die Bedingungen der Rot-Weiß-Rot-Card es nicht ermöglichen in Österreich zu bleiben. Hier muss man natürlich die inländischen Kriterien ändern. Deutschland ist da nicht betroffen. Es wird immer das Argument gebracht, dass die Medizin-Studenten, die aus Deutschland kommen, später wieder zurückgehen. Das Problem ist aber, dass die Ausbildung zum Arzt und zur Ärztin in Österreich viel länger dauert als in Deutschland und dass es auch schwieriger ist. Noch dazu verdienen die Ärzte in Ausbildung hier viel weniger als in Deutschland. Und wenn die Rahmenbedingungen nicht passen, dann versteh ich auch, dass sie wieder weg gehen. Da muss man irgendwo anders ansetzen.

Café Rosa: Wie wird mit dem Schaden nun umgegangen? Wie ist das wieder gut zu machen?

Die Verantwortlichen der ÖH Uni Wien tun alles, um Schadensbegrenzung zu betreiben und einen Pächter für das Café Rosa zu finden. Ich werde in den nächsten zwei Jahren alles dafür tun, dass die Studierenden wieder das Vertrauen in die ÖH zurückgewinnen.

Wie viel Zeit investierst du in die ÖH? Bleibt da noch Zeit für dein Studium?

Im Moment bin ich rund um die Uhr unterwegs, da ich neben der Arbeit als Sozialreferentin viel Zeit in den Wahlkampf investiere und zu allen Hochschulstandorten in Österreich reise. Das macht mir aber viel Spaß. Für das Studium habe ich mir dieses Semester nur eine Vorlesung vorgenommen. Nächstes Semester muss ich dann wieder richtig durchstarten.

Strebst du eine politische Karriere an?

Ich will mich erst mal auf die nächsten zwei Jahre konzentrieren, gute ÖH-Arbeit leisten und schauen, dass ich mit dem Studium fertig werde. Über viel mehr hab ich mir eigentlich noch keine Gedanken gemacht.

Der Großteil unseres Budgets stammt von der SPÖ.

Wie finanziert der VSStÖ seinen Wahlkampf?

Wir machen kein Geheimnis daraus, dass der Großteil unseres Budgets von der SPÖ stammt. Auf unserer Homepage haben wir auch alle unsere Finanzen offen gelegt, damit man einen Einblick in unser Budget bekommt.

Warum ist die Wahlbeteiligung so gering? Was macht ihr dagegen?

Ich finde ein wesentlicher Punkt ist die mangelnde Information. Deshalb stehen wir rund um die Uhr an allen Standorten Österreichs, um die Studierenden auf die ÖH-Wahl aufmerksam zu machen. Auf der ÖH-Bundesvertretung machen wir auch gerade eine Wahlaufrufkampagne und Informationskampagne. Ich denke ein weiterer wesentlicher Punkt ist auch, dass die Direktwahl der ÖH abgeschafft wurde. Das indirekte Wahlsystem ist sehr undurchsichtig und undemokratisch, das ist sicherlich auch ein Problem. Durch die Direktwahl würde die Wahlbeteiligung sicher wieder steigen.

Warst du von Anfang an bei den ÖH-Wahlen dabei?

Ja, ich habe immer gewählt.

Ein Praktikum soll nicht nur aus Kaffee kochen bestehen.

Ihr fordert faire Praktika. Wie genau wollt ihr da eingreifen?  

Wir haben im Sozialreferat der ÖH schon das „Gütesiegel Praktikum“ eingeführt. Hier wird ein Gütesiegel an Firmen verliehen, die faire Praktika anbieten, mit Bezahlung nach Kollektivvertrag und Einbindung ins Unternehmen. Ein Praktikum soll nicht nur aus Kaffee kochen bestehen. Firmen mit diesem Siegel sollen dadurch den anderen ein Vorbild sein. Das Gütesiegel wollen wir natürlich noch weiter ausbauen, denn es kann nicht sein, dass Studierende aufgrund eines Pflichtpraktikums oder auch bei freiwilligen Praktika von Unternehmen ausgenutzt werden. Damit sich noch mehr Unternehmen beteiligen, waren wir beispielsweise vor ein paar Wochen auf einer großen Karriere-Messe in Leoben. Hier haben wir natürlich alle Firmen angesprochen und sie über das Gütesiegel informiert.

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