Dr. Kdolsky im Interview

Dr. Kdolsky im Interview

Die ehemalige Gesundheitsministerin Dr. Andrea Kdolsky stand oehwahlen2013.at über ihre Zeit in der ÖH Rede und Antwort. Von 1986 bis 1993 war sie Vorsitzende der Österreichischen Hochschülerschaft an der medizinischen Fakultät Wien und erzählte uns von einer aufregenden Zeit, die sie nicht missen will.

 

Kdolsky-Andrea-024-cut Das liegt einem im Blut
Dr. Kdolsky hat bereits früh politische Erfahrungen sammeln können. Sie war sowohl Schul- als auch Klassensprecherin bevor sie in der ÖH tätig wurde.
„Ich habe mich schon immer dafür interessiert, für Menschen in meinem Umfeld einzutreten“, gibt sie als Grund an, warum sie sich auch nach ihrer Zeit als Ministerin gesellschaftspolitisch engagiert.
Permanent Politikerin zu bleiben war aber nie ihr Wunsch.

Anfangs studierte sie Jus auf der Uni Wien und Handelswissenschaften an der Wirtschaftsuniversität, stieg dann aber ins Berufsleben ein. Dadurch waren für sie Aktivitäten bei der ÖH uninteressant. Nach einiger Zeit packte sie aber doch ihre Leidenschaft, die Medizin, und sie begann als Quereinsteigerin das Studium.Um diese schwierige Situation besser meistern zu können, ging sie an die Fachschaft um sich zu informieren. Dort angekommen fand sie ein für Studenten eher typisches Chaos vor.
„Wie das so ist, wenn man aus einer Berufstätigkeit kommt, sieht man die Dinge etwas anders und habe dort relativ schnell aufgedreht.“
Daraufhin meinte der damalige Vorsitzende zu ihr, sie solle doch gleich mitmachen und helfen, das Chaos zu beseitigen. Und das tat sie.
Anfangs hauptsächlich zuständig für die „Schiefsemestrigen“, holte sie das fehlende Semester ein. Gleich darauf, 1987, waren ÖH-Wahlen. Durch ihre Mitarbeit an der Fachschaft wurde man auf sie aufmerksam und sie kandidierte als Spitzenkandidatin.

Ganz oder gar nicht
„Ich bin angetreten zur ÖH-Wahl und habe einen fulminanten Sieg errungen. Ich habe für die ÖMU 10 von 11 bestehenden Mandaten geholt. Damit hatte ich eine 4/5 Mehrheit, eine Absolute die man selten hat.“
Durch ihre neue Position als Vorsitzende der ÖMU merkte sie aber auch schnell, dass die ÖH nicht nur eine Servicefunktion hat, sondern auch ein politischer Ansatz vorhanden ist. Es war die Zeit der Übersiedlung ins neue AKH, geprägt von Katastrophen, Skandalen und Problemen. Die medizinische Fakultät wurde neu strukturiert und es gab unzählige Berufungskommissionen. Durch die Fülle an Aufgaben konnte sie in zahlreiche Bereiche hineinschnuppern. Eine Zeitung herauszubringen gehörte da genauso dazu wie über das Budget zu wachen.Damals hatten die Studentenvertreter aber noch viel mehr Macht als heute.
“Es hat sich kein Rektor oder Dekan getraut ohne einen Studentenvertreter auch nur annähernd was zu machen. Wenn man einen Block von Studenten darstellt hast du natürlich die Politik mitbestimmt. Es sind sehr viele Entscheidungen von den Studenten ausgegangen.“
Zwar hat die Öffentlichkeit nicht immer positiv darauf reagiert, aber die Position der Studenten wurde anerkannt.

Eine andere Zeit
Warum heute das politische Interesse unter den Studenten so gering ist, sieht Dr. Kdolsky in den zunehmend schwerer werdenden Bedingungen. „Ich glaube, dass heute die Studenten unter einem größeren Druck stehen, schnell studieren zu müssen und auch viele Zusatzqualifikationen sich zu schaffen in Zeiten wie diesen, die geschüttelt sind von Wirtschaftskrise, Bankenkrise und steigender Jugendarbeitslosigkeit.“
Aber auch ein Überangebot an hochqualifizierten Arbeitskräften verstärken den Konkurrenzdruck, sodass viele Studierende einfach keine Zeit für politische Tätigkeiten in der ÖH haben.
„Unsere Studienzeit war geprägt von ‚wir haben eine Hetz‘. Wir studieren auch, aber wir leben auch das Studentenleben. Man sieht auch heute, dass die Studentenorganisationen Nachwuchsprobleme haben, da die Leute andere Interessen haben.“
Gegen Ende ihres Studiums arbeitete sie schon sechs bis sieben Stunden am Tag bei der ÖH mit.

Es waren Wahlschlachten
An die Wahlkämpfe erinnert sich Kdolsky gerne zurück.
„Man hat zu allen möglichen nicht immer legalen Tricks gegriffen. Das einzige was klar war, jeder organisiert seine Ständer selber. Überplakatieren war ein No-Go. Manchmal hat es erstaunliche Verluste von Plakatständern gegeben, die angeblich in der Donau wieder aufgetaucht sind. Einmal wurde ein Kollege von uns im Alten AKH von einer Truppe Andersplakatierer in die Mitte eines Plakatdreiecks gesperrt, sodass er nicht von selber raus konnte. Er ist bis in der Früh dort gestanden, bis die ersten ins Alte AKH gekommen sind.“ Besonders große Aufmerksamkeit erhielt sie für ihren ersten Wahlkampf.
„Auf der Anatomie gab es katastrophale Hygienezustände. Ich bin mit 50er Paketen von Klorollen durch die Sezierkurse gegangen und habe jeden Studenten seine Klorolle gegeben.“
Es gab aber auch sehr viele offene Diskussionen, Plakatwälder und Veranstaltungen in den Hörsälen. Teilweise gingen zwei Drittel der Vorlesungszeit für Wahlwerbung verloren.

Erfolge und Niederlagen
In ihrer Tätigkeit bei der ÖH machte sie sich nicht nur Freunde. Es gab damals auf der Anatomie anonyme Anzeigen, dass es unter den moslemischen Frauen ein bis zwei gab, die für alle anderen die Prüfungen machten. Da sie verschleiert waren, konnte man ihre Identität nicht zweifelsfrei feststellen. Aus diesem Grund wandte sich der damalige Chef der Anatomie an die Studentenvertretung.
„Da war die Frage, wie identifiziere ich jemanden der verschleiert ist, und das nicht lüften möchte. Wie findet man da eine Lösung um eine Fairness für alle Studenten herzustellen und auch auf der anderen Seite die Eigenheiten von Andersdenkenden zu wahren.“
Nicht ganz ohne Kampf konnte sie durchsetzen, dass die verschleierten Frauen in einem eigenem Zimmer von einer weiblichen Person kontrolliert wurden.
„Das war für mich ein fairer, nicht in die Ethik der Frau eingreifende Maßnahme.“ Dadurch erntete Kdolsky aber auch viel Kritik von anderen Studentenorganisationen.
Besonders stolz ist sie auf die Demonstration „Wir wollen arbeiten, aber sie lassen uns nicht“ 1987. „Ich bin ein Verhandler, der versucht, sehr lange auf einer normalen Gesprächsebene Lösungen zu finden. Wenn es aber nicht mehr anders geht, machen wir dann auch das.“
Zu den Erfolgen während ihrer Zeit als Vorsitzende zählt sie die Vereinfachung der Inskription, das Projekt „Prüf den Prüfer“ und die Bücherbörse.
Für sie war Ihre größte Niederlage die Ablehnung eines Pflegepraktikums in der Studieneingangsphase.

Nach der ÖH
Mit Abschluss ihres Studiums 1993 endete auch ihre Zeit in der ÖH.
Die heutigen Studentenvertreter beneidet sie nicht. Durch das neue Universitätsgesetz wurde die Mitbestimmung der Studenten deutlich zurückgeschraubt. „Es sollen die mitreden, die es betrifft.“, kritisiert sie das neue UG.
Die ÖH als Wachstumsschmiede sieht sie eher wie die Frage „Henne oder Ei“.
„Natürlich ist es so, dass Menschen die in die ÖH gehen, prinzipiell anders sind als die, die nicht hingehen. Man bekommt kein Geld dafür, machst dir Feinde. Da braucht man eine gewisse idealistische Vorstellung.“
Viele gehen in die Politik, weil sie den politischen Weg schon durch ihre Tätigkeit in einer Studentenvertretung kennengelernt haben.
„Das beginnt damit, das du aufgefallen bist. Ich bin oft von der ÖVP angesprochen worden.“
Heute ist Dr. Kdolsky in einem weltweit agierenden Beratungsunternehmen im Gesundheitsbereich tätig.